Wasja Götze › Text

Paul Kaiser

Prophetie am Ostseestrand (Text zum aktuellen Katalog 2019)

Der Maler Wasja Götze in Ahrenshoop zwischen Pop Art und Parallelexistenz

Es sollte nach dem Ende der DDR noch etliche Jahre brauchen, bis der Maler Wasja Götze verdientermaßen in den Blickpunkt des Kunstbetriebes geriet. Die Gründe für diesen Zeitverzug bei der öffentlichen Würdigung einer außerordentlichen Entwicklung lagen vor allem in der Ausgrenzung seiner Position in der DDR, in der sich Wasja Götze, Jahrgang 1941, geboren im sächsischen Altmügeln und seit 1962 in Halle ansässig, als ein „malender Eremit“[1]empfinden musste.

Wasja Götze

Wasja Götze, Mann mit Messer, 1966, Öl auf Hartfaserplatte, 64 x 57 cm

Die repressive Rückweisung begann bereits kurz nach seinem Studium der Gebrauchsgrafik (1962-68) an der Hochschule für industrielle Formgestaltung in Halle, wie die legendäre „Burg Giebichenstein“ seinerzeit hieß, wo er Unterricht bei Lothar Zitzmann, Friedrich Engemann und Walter Funkat hatte. Wegen einer inoffiziellen „Hofausstellung“ im Innenhof seines Wohnhauses wurde Götze im Mai 1969 in Halle zur Persona non grata erklärt. Der Maler Götze experimentierte damals nach einer kubistisch geprägten Werkphase bereits mit Stilmitteln der Pop Art, auf deren Herausforderung kaum einer in der DDR ernsthaft reagierte. Für die Staatssicherheit, welche mit Hilfe des angereisten Bezirksstaatsanwalts die Hofausstellung 1969 nach drei Tagen verbot, waren diese für sie absonderlich wirkenden Kunstäußerungen zweifelsfrei der Beweis, dass Götze ein Anhänger der „1968er“ war.

Auf Grund dieser Situation wurde Ahrenshoop für den Künstler und seine Familie lange Jahre ein notwendiger Parallelort der Existenz, den er mit seiner Ehefrau, der Textilgestalterin Inge Götze, zu einem Refugium und temporären Arbeitsort machte. Durch Einladung von Susanne Klünder, die mit Wasja Götze an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein studiert hatte, kamen die beiden Götzes als Gäste im Hause von Arnold und Bärbel Klünder unter. Hier lebte auch noch die Kunstkolonie-Mitgründerin Dora Koch-Stetter, Susanne Klünders Großmutter, und der künstlerische Mikrokosmos ihres verstorbenen Mannes, des Grafikers, Karikaturisten und Publizisten Fritz Koch-Gotha, zeigte sich durch Anekdoten, Fotografien und Reiseandenken allgegenwärtig.

Wasja Götze

Wasja Götze, Ahrenshöopisches Stillleben, Frühjahr 1967, Öl auf Hartfaserplatte, 39 x 50 cm

Wasja Götze erlebte Ahrenshoop zwischen 1965 und 1978 als einen Ort stabilisierter Widersprüche. Hier fand er die Distanz, seine Position eines Einzelgängers, der von der SED behindert und später offen drangsaliert wurde, prüfend zu analysieren, ohne von einer künstlerischen Kommunikation abgeschnitten zu sein. Diese gelebte Parallelexistenz, nicht selten für kritische Künstler in diktatorischen Herrschaftsverhältnissen, wurde fortan zu einem Lebensstruktur: Im Jahre 1980 erwarb das Ehepaar durch Vermittlung des Hallenser Malerfreundes Fotis Zaprasis ein eigenes Anwesen in Mecklenburg, dass fortan das Ahrenshooper Sommerexil ergänzte und später gänzlich ersetzen sollte.

Ahrenshoop wurde für Wasja Götze aber auch in künstlerischer Hinsicht ein produktiver Ort. Gefundenes Strandgut etwa verarbeitete Wasja Götze in seinen, dem in der DDR bis in die 1980er Jahre als Vertreter der „spätbürgerlichen Dekadenz“ tabuisierten Dadaisten Kurt Schwitters gewidmeten „Merz“-Bildern. Oder er kochte wie andere Erdbeeren und Pflaumen die Früchte seiner tagelangen Suche nach Strandgut in herkömmlichen Haushaltsgläsern ein – darin einer Tradition der Dresdner Künstlerboheme folgend, die bei einem der legendären Künstlerfeste im Elbhang-Ortsteil Loschwitz in den frühen 1960er Jahren einmal ein ganzes Klavier in Kleinholz verwandelt und die Teile nach der Aktion in Weckgläsern konserviert hatten. Das Klündersche Haus wurde für Wasja Götze zu einer „Fortsetzung der Burg mit ihrer 200 x 200 Meter Grundfläche“.

Und hier gelang ihm 1975 eine bemerkenswerte Werkgruppe, die in fast prophetischer Weise aus einer schonungslosen Analyse der Situation das Ende der DDR im Jahr 1989 vorwegnahm. In den 15 Pastellen, alle im August 1975 entstanden, entwarf Wasja Götze am exemplarischen Motiv einer Ahrenshooper Strandgesellschaft das Panorama einer grundsätzlichen Selbstvergewisserung, in der die Optionen „Bleiben“ oder „Gehen“ eine zentrale Bedeutung erlangen. Dies geschieht einerseits in offenen autobiografischen Anspielungen und andererseits in einer überindividuellen Metaphorik, deren Kontrastierung die spannungsvolle Lebenswelt des Künstlerortes offenkundig machen.

Wasja Götze

Wasja Götze, Ein Baum für C. D. F. (Ahrenshooper Holz), Nov. – Dez. 1975, Öl auf Hartfaserplatte, 65 x 46 cm

Ein Bild der Serie zeigt einen bandagierten, umwickelten und selbstgebundenen Mann, der zweifellos die Situation des Künstlers zwischen Ausbruchswillen und Abhängigkeitszwang symbolisiert. Diese in grellen Farbsequenzen und –übergängen komponierte Figur sitzt regungslos vor der Makellosigkeit einer nackten Frau, die sich ihm in erotischer Pose zeigt. All das ereignet sich im Schatten eines Strandkorbes, an dessen Seite das unverkennbare Muster eines DDR-Grenzpfahls zum Vorschein kommt. Das letzte Blatt der mit Pastell und Bleistift ausgeführten Serie trägt den rätselhaften Titel „Figuren, postieren für eine kleine Apokalypse“. Der hier aufscheinende Kontrast zwischen einer im Sommer 1975 von Wasja Götze real vorgefundenen und der in seinem Bild prognostizierten Situation könnte nicht größer sein: Hier das Gefühl, ein in Grenzen freier Mensch inmitten von Gleichgesinnten zu sein und dort die künstlerische Ahnung einer unermesslichen Katastrophe, welche die ausgestellte Heiterkeit zur Farce degradiert.

Trotz der großen Bedeutung, die Ahrenshoop für Wasja Götze zweifellos hatte, so kann doch gesagt werden, dass der zentrale Ort seines Lebens immer Halle blieb, die in der DDR geschundene Stadt, dem Verfall leichtfertig preisgegeben. Hier gab es bis zuletzt obskure Ausstellungsverbote und vorzeitige Schließungen seiner raren Expositionen. Selbst als sich der kulturpolitische Wind für seine Kunst in günstigere Richtung drehte, blieben Ausstellungen in seiner Heimatstadt für ihn tabu – stattdessen konnte man seine farbintensiven Werke, die in den späten 1970er Jahren zu kaum verschlüsselten Sinnbildern individueller Bedrängnis werden, ab und an außerhalb des Bezirkes Halle sehen.

Ein alternativer Aktionsort war das Theater. In den Jahren der repressiven Bedrängnis ging Wasja Götze den Schritt ins Ungewisse und arbeitete fortan als Bühnenbildner in Berlin. Vor allem die Bekanntschaft mit dem Bühnenbildner und Maler Achim Freyer, dessen „kluge Gelassenheit“ ihn faszinierte, trug spätere Früchte. Freyer war der erste Künstler von Rang, der sich dem jungen Künstler mit Respekt und forderndem Zuspruch zuwandte. Die Arbeit an den Berliner Theatern verhalf Wasja Götze zu einer Kontrasterfahrung, die sein späteres Leben entscheidend beeinflussen sollte. Im Jahre 1973 zeugt sein Bild „Abschied von H. oder Es kann nicht immer Liebe sein“ bereits von den in Berlin empfangenen Impulsen. Wasja Götze zu diesem Schlüsselbild: „Es war die Zeit wo ich mir ganz programmatisch sagte: Jetzt wird ernsthaft gemalt!“[2]

„Laut und farbig“ statt still und grautönig musste fortan seine Malerei sein. Die spezifische Adaption der Pop art durch Wasja Götze ersetzte die Produktwelt westlichen Konsums, die er selbst nur aus der Distanz einer Second hand-Sphäre wahrnahm, durch die Motive kommunistischer Propaganda. Der „neue Realismus“ nonkonformer Maler wie Wasja Götze unterschied sich vom staatsoffiziellen Realismusmodell vor allem dadurch, dass er die Diskurse einer Gegenmoral in die künstlerische Produktion einschloss, anstatt sie aus einem purifizierten Bereich ästhetischer Selbstbestimmung zu verweisen.

Wasja Götze hat die Essenz jener DDR-Jahre folgendermaßen beschrieben: „Ich drängte nicht laut und fordernd in die Öffentlichkeit wie einige andere DDR-Künstler, weil ich zu folgender Erkenntnis gekommen war: In diesem Land ist meine Kunst prädestiniert, auf Missfallen, Nicht-Akzeptanz, Verachtung und Feindschaft zu stoßen. Meine Art zu leben sowie meine politisch-moralische Haltung werden hierzulande abgelehnt. Will ich meine Heimat nicht verlassen, will ich hierbleiben, wie ich bin, nämlich ICH, dann habe ich in dieser Diktatur den Preis zu zahlen: die Missachtung und das Negieren. Ich respektierte diesen Tatbestand und malte weiter.“[3]

Wasja Götze

Wasja Götze, Der Pfeifenraucher, 1972, Collage, Öl auf Hartfaserplatte, 60 x 47 cm

Diese singuläre kunsthistorische Stellung Wasja Götzes in Ostdeutschland zählten im bundesdeutschen Kunstbetrieb zunächst nicht viel. Künstler wie er mochten aber auch nach 1989, in einem nun schon fortgeschrittenen Alter (Wasja Götze erlebte den Beitritt 1990 im Alter von 49 Jahren), kein positives Verhältnis mehr zu den Vermarktungsnotwendigkeiten eines bildenden Künstlers gewinnen – so wie das seinem Malersohn Moritz Götze mit umtriebig-virulenter Finesse gelang.

So blieb ein Maler vom Format eines Wasja Götze lange Zeit „unsichtbar“. Den schweren Jahre der Repression folgten die abenteuerlichen Jahre unter „Schwarz-Rot-Colt“(1991/92) mit ihren irrwitzigen Zerrbildern beim Übergang eines Systems in sein scheinbares Gegenteil. Wasja Götze suchte und gewann seine innere Ruhe durch die Rückbesinnung auf Eigenkräfte – und sei es jene, die ihm durch handwerkliche Lohnarbeit als Fahrradmechaniker zur Unabhängigkeit verhelfen sollten. Dabei waren die in der DDR erworbenen Techniken einer autonomen Selbstorganisation von Vorteil. So wie man früher die Uhren nach ihm stellte, wenn er abends in die „Gose“ oder den „Mohren“ zum abendlichen Absacker einrückte, so malte Wasja Götze einfach weiter in seinem kleinen Dachatelier.

Wasja Götze

Wasja Götze, Den Wohlstand zu mehren, Dez. 2004 – Jan. 2005, Öl auf Hartfaserplatte, 110 x 78cm

Wer jene schwierig zu meisternde Balance schafft, sich ohne Echo weltwärts zu orientieren und es wagt, sich selbst aufs Neue stetig herauszufordern, auch wenn die Bilder erst seit einigen Jahren den Weg in die überregionale Kunstwelt finden, für den kann nun wirklich gelten, ein Maler mit eigenständigem Profil und moralischen Prinzipien zu sein. Für Wasja Götze, dem Maler, Grafiker und Objektkünstler, wurden diese beiden Kraftpole Grundlage für ein fulminantes Lebenswerk, das in seiner Güteklasse mit einigem Erstaunen noch entdeckt werden wird.

[1]Wasja Götze im Gespräch mit Paul Kaiser, Halle, 31.8.2016

[2]Ebd.

[3]Wasja Götze: Statement. In: Eugen Blume, Christoph Tannert (Hg.): Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989, Ausst. Kat. Martin-Gropius-Bau Berlin 2016, Berlin 2016, S. 116f.