Ostsee Zeitung 3.5.2019 „Doppelausstellung würdigt Michael Wirkner“

Michael Wirkner in Ahrenshoop und Hirschburg zu sehen

Ahrenshoop/Hirschburg

Kopfzeichen“ heißen die drei Arbeiten, die nebeneinander in der lichtdurchfluteten Blackbox-Galerie in Hirschburg hängen. Erschaffen hat sie 1998 der Maler Michael Wirkner (1954-2012) mit Gouache, Tusche und kraftvollem Pinselstrich. Die Serie seiner Kopfbilder – eine unmittelbare Reaktion auf den Tod seines Vaters 1985 – zeigt, wie der Künstler äußere Einflüsse in seinen Werken verarbeitete. „Es ist keine melancholische und leise Attitüde, sondern eine kraftvolle Auseinandersetzung, die über das Tragische hinausgeht“, sagt Bildhauer Reinhard Buch, der die Blackbox-Galerie auf dem Kunsthof Hirschburg betreibt. „Michael Wirkner hatte so ungeheuer viel Energie, deswegen ist sein Abgang auch so unverständlich.“ Das Tragische: 2012 schied der Künstler freiwillig aus dem Leben. Eine Doppelausstellung in Hirschburg und Ahrenshoop erinnert nun an Wirkner und sein Werk.

Reinhard Buch erinnert sich noch genau daran, wie er Wirkner Anfang der 90er Jahre bei einer Gemeinschaftsausstellung in Schwerin kennenlernte: „Ich habe dort nachts vor Ort eine Arbeit realisiert und im Marstall auf Filzdecken geschlafen. Diese Besessenheit hat ihn offenbar interessiert“, sagt er und lacht. Als „ungeheuer begnadet, mitunter auch gehypt“ beschreibt Buch seinen Kollegen, der zu den wichtigsten Künstlern seiner Generation in Mecklenburg-Vorpommern zählt. Trotzdem sei ihm die künstlerische Anerkennung zu Lebzeiten nicht so zuteilgeworden, wie er es verdient hätte, ist sich Buch sicher. „Er hat immer nur gearbeitet und sich nicht um seine Vermarktung gekümmert.“ Umso mehr sei es nun das Anliegen seines Freundes und Nachlassverwalters Eckart Sarnow, dass Wirkners Werk nicht in Vergessenheit gerate.

„Wir wollen den Künstler in Gänze wieder ins Bewusstsein rücken, daher gibt es zwei Teile der Ausstellung“, so Buch. Unter dem Titel „Zwischen Nähe und Distanz“ sind in der Blackbox-Galerie in Hirschburg 16 Arbeiten der Serie „Kopflandschaften“ aus den Jahren 1987 bis 1996 zu sehen. Den zum Teil noch nie gezeigten Gouachen stellt der Bildhauer zwei große Betonskulpturen aus der Serie „Kontrahenten“ gegenüber, die er eigens für die Schau geschaffen hat. Auch in der Galerie Alte Schule in Ahrenshoop setzt Kurator Robert Dämmig auf eine Kombination von Malerei und Plastik und zeigt unter dem Titel „Zwischen den Paradiesen“ rund 30 Gouachen von Michael Wirkner aus der Serie „Seestücke“, die zwischen 1989 und 2006 entstanden sind sowie Bronze-Arbeiten des Berliner Künstlers Michael Jastram.

Wirkners Oeuvre umfasst einige wenige Themenkomplexe, denen er sich zum Teil über Jahre widmete, nur ungern ließ er die Außenwelt ins Atelier. Allein in seinen Bildern, so hat es den Anschein, zeigt sich sein Inneres, manifestiert sich reflektierter Erfahrungshorizont farbgewaltig auf Pappen und Papier. So zielen seine Kopfbilder weniger auf physiognomische Details oder die Darstellung einzelner Individuen ab, sondern darauf, das Menschsein an sich bildnerisch in Szene zu setzen.

Auch Wirkners „Seestücke“ und „Meeransichten“ sind zwar inspiriert von der Ostsee – von 1985 bis 2012 war der gebürtige Chemnitzer freischaffend in Schwerin und Sarow tätig – spiegeln aber zugleich die Seelenlandschaft des Künstlers wider. In seinen abstrahierten farbintensiven Werken, die teilweise anmuten, wie Wasservorhänge, arbeitete der Künstler mit bis zu 70 Schichten Farbe aus selbst angerührten Pigmenten.

„Wir arbeiten seit vielen Jahren mit dem Nachlass von Michael Wirkner, mittlerweile ist es die dritte Wirkner-Ausstellung, die wir realisieren“, sagt Robert Dämmig. Insgesamt gebe es kaum noch Schauen des Künstlers. „Ich halte ihn für einen der wichtigsten bildenden Künstler der neueren Zeit in Mecklenburg, daher ist es umso wichtiger, dass der Name im Spiel bleibt. Wenn man seine frühen Zeichnungen zurückblickt, kann man nur bedauern, dass er davon nicht mehr gemacht hat. Das sind unglaublich starke Blätter“ so der Galerist. Neben der Doppelausstellung sei im Herbst zudem eine Ausstellung im Fischlandhaus in Wustrow mit frühen Zeichnungen geplant.

Zur Person

Michael Wirkner wurde 1954 in Chemnitz geboren und studierte Grafik und Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Ab 1982 arbeitete er freischaffend in Schwerin, ab 1985 freischaffend in Schwerin und Sarow bei Demmin. Er starb am 23. Juli 2012. Seine Bilder sind in vielen bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit vertreten. Wirkner gestaltete unter anderem den Treppenaufgang des Bundesfinanzministeriums in Berlin und schuf Kunstwerke für das Ozeaneum in Stralsund.

Bewusst habe man sich dafür entschieden, mit den vom Meer inspirierten Arbeiten einen farbenfrohen Ausschnitt aus Wirkners Werk zu wählen. „Dieser Ausschnitt ist wichtig für sein Werk, weil er so unglaublich vital und kräftig ist“, so Dämmig.

Ein Gegengewicht zur Leichtigkeit des Papiers bilden die Bronze-Arbeiten von Michael Jastram, Sohn des Bildhauers Jo Jastram: „Das fast Grafische der Bronze bildet einen guten Kontrast zu den Farbflächen Wirkners“, sagt Dämmig. „Zudem haben beide Künstler einen ähnlichen Erfahrungshorizont. Das merkt man auch an ihrer künstlerischen Herangehensweise. Beide haben sich eine gewisse positive Naivität bewahrt. Obwohl es völlig unterschiedliche Darstellungsweisen, unterschiedliche Materialien und ein ganz anderer Umgang mit Farbe ist, harmonieren die Arbeiten sehr gut miteinander.“

Stefanie Büssing