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Egon Pukall

Komm! ins Offene, Freund!

Die zweite Einzelausstellung des Dresdner Malers Egon Pukall

in der Galerie Alte Schule Ahrenshoop legt den Schwerpunkt

auf Werke, die das unmittelbare Lebensumfeld des Künstlers

reflektieren. Einige Arbeiten aus dem Frühwerk sowie Zeichnungen

und Tafelbilder von seinen Ostseeaufenthalten sind

ebenfalls zu sehen.

Eine zentrale Rolle für das Werk Pukalls spielt das Künstlerhaus

Dresden Loschwitz, in dem Pukall von 1961 bis 1989

lebte und arbeitete.

Egon Pukall

Egon Pukall, „Pillnitzer Landstraße im Schnee“, 1967, Öl auf Hartfaserplatte, 60 x 46 cm

In 1960er, 70er und 80er Jahren lebten und arbeiteten dort

neben Egon Pukall unter anderem Künstler wie Hermann

Glöckner, Max Uhlig, Wilhelm Lachnit, Hans Jüchser und

Helmut Schmidt-Kirstein.

Für Pukall war Dresden Loschwitz das Tor zur Welt, ja die

Welt selbst.

Hier findet er all die Formen und Farben, die Landschaften, die

ihm als Künstler Anker und Triebfeder sind.

Hier findet er das Italienische, das Französische, findet er die

Würde einer Landschaft, die, teils durch Krieg und Zerstörung

geschunden, vor seinen Augen und durch seine Malerei

wieder in ein Gleichgewicht, in eine zukunftsweisende

Harmonie findet.

Diese komplex schwingende Leichtigkeit in Pukalls Malerei

musste hart erarbeitet werden.

Betrachtet man seine Kunst der ersten Hälfte der sechziger

Jahre, so finden sich malerische Bestandsaufnahmen, die eine

frühe künstlerische Reife und mit ihr eine dunkeltonige Schwere

und Suche zeigen.

Egon Pukall, „S-Bahnhof (Berlin)“, 1960, Tempera auf Leinwand, 70 x 97 cm

Wie zum Beispiel das herausragend metaphorische Gemälde

„Berliner S-Bahnhof“ aus dem Jahr 1960, sachlich konstatiert

und doch von ungeheurer metaphorischer Wucht.

Später sucht man solch explizite Aussagen in dieser Form bei

Pukall vergeblich.

 

Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre zeigt er noch

mal Details vom Verfall der Dresdner Neustadt und damit

einer stagnierenden Gesellschaft („Alaunstraße“).

Egon Pukall

Egon Pukall, „Alaunstraße (2)“, 1980, Öl auf Hartfaserplatte, 36 x 43 cm

Einen wichtigen Schritt, den Pukall in seiner Kunst zu Beginn

der achtziger Jahre macht und der ihn bis Ende des Jahrzehnts

bei aller bleibenden Gegenständlichkeit zu einem wesentlichen

Grad der Abstraktion kommen lässt, wird in den beiden

Gemälden „Laubegast I“ und „Laubegast II“ mehr als deutlich.

„Laubegast I“ als traditionell altmeisterlich komponierte Stadtsituation,

stellt er „Laubegast II“ gegenüber.

Egon Pukall

Egon Pukall, „Laubegast I“, 1980, Öl auf Leinwand, 49 x 65 cm

Die Motive sind fast identisch, bis auf die Kirchturmspitze,

die er in „Laubegast II“ einfach weglässt, aber die Umsetzung

könnte gegensätzlicher nicht sein.

Sind im ersten Gemälde feinste Nuancierungen, Schattierungen

und Details herausgearbeitet, setzt Pukall im zweiten

Gemälde auf geschlossene Farbflächen.

Die Straße und Gehwege sind ein monochrom blaues Band;

Fassaden, Dächer, Himmel in subtil flächigen Farbvariationen

gegeneinander abgesetzt.

Egon Pukall

Egon Pukall, „Laubegast II“, 1980, ÖL auf Hartfaserplatte,
54 x 64 cm

Die Wirkung ist verblüffend.

Die Stadtlandschaft scheint sich zu öffnen, scheint sich

zu lösen aus Befindlichkeit und Enge. Sie verlässt die pittoresk-

emotionale Ebene und verleiht der Situation kühle

Distanziertheit. Pukall schafft einen Abstraktionsraum, der

das Narrativ-Dokumentarische meidet und ausschließlich auf

Form und Farbe abhebt.

Dabei ist die enge innere Bezogenheit des Künstlers zum Motiv,

zu seinem emotionalen Lebensumfeld in unverminderter

Intensität spürbar.

Beide Gemälde stehen sich gleichberechtigt gegenüber, sind

gleichermaßen gemeint und relevant.

Diese Gegenüberstellung gibt uns einen ungefähren Eindruck

davon, wie sehr Pukall um seine Bildsprache ringt. Wie er

Formen und Farben immer wieder hinterfragt, sich nicht in die

Ruheposition des Handwerkers ziehen lässt. Im Gegenteil, er

lässt in aller Zurückhaltung handwerkliche Virtuosität hinter

sich und sucht nach dem Kern seiner bildnerischen Arbeit. Es

gibt bei ihm keine radikal stilistischen Brüche im Sinne von

künstlerischer Neuerfindung, auch keine Orientierung an einer Art

Zeitgeschmack.

Egon Pukall

Egon Pukall, „Interieur im Riesengebirge“, 1975, Tempera auf Hartfaserplatte,
46 x 38 cm

Sächsische Landschaften bleiben die wesentliche

Inspirationsquelle Pukalls.

In diesen Landschaften entstehen die wichtigsten und intensivsten

Arbeiten des Künstlers.

Hier vermag Pukall eine empathische Sehnsucht zu formulieren,

die bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren hat.

Ohne Zweifel ist er inspiriert durch das Licht französischer,

italienischer Landschaften, durch das Licht der Impressionisten.

Egon Pukall

Egon Pukall, „Loschwitzer Friedhofsgärtnerei“, 1970, Öl auf Hartfaserplatte,
60 x 50 cm

Er verschafft dem Dresdner Kolorismus noch einmal einen bedeutetenden

Höhepunkt und scheint, betrachtet man die nachkommenden

Künstlergenerationen, mit seinem frühen Tod im Jahr

1989 auch einen Schlusspunkt unter die für Dresden so typische

Maltradition zu setzen.

Seine Bilder sprechen nicht vom Weggehen.

Sie wollen bleiben. Genau da, wo sie sind.

Pukalls künstlerischer Blick auf eine vergleichsweise kleine Region

mag heute, angesichts der scheinbar unbegrenzten globalisierten

Möglichkeiten, befremdlich wirken.

Egon Pukall

Egon Pukall, „Niederpoyritzer Hafen“, um 1975, Öl auf Leinwand,
45 x 51 cm

Sicher muss dabei die damalige politische Situation in der DDR

mit in Betracht gezogen werden. Egon Pukall war aber einer jener

Künstler, die in ihrer unmittelbaren Umgebung die ganze Welt

fanden, für die das Wort Heimat; so konservativ und verdächtig

dieses heute manchem kulturellen Jetsetter auch scheinen mag;

eine elementare, lebensnotwendige und unabdingbare Konstruktion

war.

Die Les- und Erlebbarkeit seiner Kunst ist deshalb keineswegs eingeschränkt.

Vielmehr zieht sie Bedeutung, Kraft und Verständnis

genau aus dem Umstand der Konzentration und Bezogenheit auf

den geistig wie künstlerisch immer wieder durchgearbeiteten und

überschaubaren Raum eines unmittelbar erlebten Umfeldes.

Sein Werk ist von einer lebendigen Kraft und gleichzeitig kontemplativer

Stille.

Egon Pukall

Egon Pukall, „Spätsommer am Stausee (2)“, 1976, Öl auf Hartfaserplatte, 50 x 49 cm

Es ist zu wünschen und zu hoffen, dass diesem

großartigen Ouevre wieder eine größere öffentliche Aufmerksamkeit

zuteil wird.

Robert Dämmig im September 2019