OZ Artikel zu „MORITZ GÖTZE – Ahrenshoop“ von Stefanie Büssing in der OZ vom 27.08.2021

Moritz Götze aus Halle
malt sein Ahrenshoop

Von Stefanie Büssing

Eine farbenfrohe Hommage an die ehemalige Künstlerkolonie: Bis zum 26. September zeigt der erfolgreiche Pop-Art-Künstler rund 50 Arbeiten in der Galerie „Alte Schule“ in Ahrenshoop.

Moritz Götze

Moritz Götze, Der Anruf, 2021, Öl auf Leinwand, 90 x 70 cm

Ahrenshoop. Es ist ein Bild für die Götter – zumindest wirkt es vom Setting her wie aus der Antike. Ein halbnackter Jüngling sitzt auf einem Stein am Meer. Fast neckisch bedeckt der Faltenwurf seines Kleides seine Körpermitte. Das Gewand gehört einer barbusigen jungen Frau neben ihm, die den anderen Teil um ihren Unterleib geschlungen hat. Doch ihr schmachtender Blick fällt nicht etwa auf den Geliebten, sondern auf ein anderes Objekt der Begierde – ihr Handy. „Der Anruf“ heißt die Arbeit von 2021, die der Künstler in seiner typischen Pop-Art-Manier und mit dem ihm eigenen Humor auf Leinwand gebannt hat. Räumlich verortet hat er das Paar am Strand von Ahrenshoop, den Götze seit seiner Kindheit von zahlreichen Urlauben kennt und der ihn bis heute bei seiner Arbeit inspiriert. Seine aktuelle Schau „Ahrenshoop“ ist auch eine Hommage an das Ostseebad und die ehemalige Künstlerkolonie. Bis zum 26. September sind in der Galerie „Alte Schule“ in Ahrenshoop rund 50 aktuelle Arbeiten des Pop-Art-Künstlers aus Halle zu sehen, darunter Emaillen, Ölmalerei, Zeichnungen und Druckgrafik aus den vergangenen zwölf Monaten.

Viele von den Arbeiten, die Götze mit nach Ahrenshoop gebracht hat, sind bevölkert von nackten Männern und Frauen, die anmuten wie aus der Antike und sich am Strand von Ahrenshoop tummeln. „Schöner junger Mann“ heißt ein Bild, auf dem sich ein Jüngling mit Adoniskörper und nostalgischer Löckchenfrisur auf einem blauen Handtuch am Strand räkelt. Dass Götzes Figuren oft wie aus der Zeit gefallen wirken, hat einen guten Grund: Der Künstler, der als Kind eigentlich Museumsdirektor werden wollte, hat sich bis heute sein Faible für Geschichte erhalten. Davon zeugt seine zeitgenössische Historienmalerei: Als Vorlage für seine Bilder dienen ihm oft historische Gemälde, deren Protagonisten der Autodidakt auf surreal-heitere Weise ins Heute holt. In diesem Fall ist es ein Bild von Michelangelo, das Götze zeitgenössisch interpretiert hat. Mit Alltagsgegenständen, wie Turnschuhen, einem Handy, abgelegten Jeans und Plastikmüll schafft der Künstler einen modernen Bezug. Doch hinter vermeintlichen Kleinigkeiten steckt oft mehr, als der Betrachter beim ersten Blick vermutet.

Denn was aussieht wie Müll, hat für Götze eine ganz eigene Bedeutung. „In der DDR hatten diese Gegenstände eine gewisse Exotik. Für uns waren das Schätze, die ein Gefühl von Freiheit vermittelten – auch wenn ich bei einigen erst nach der Wende erfahren habe, wofür sie eigentlich gut sind“, sagt er und lacht. Sein Vater Wasja habe in den 60er Jahren diverse solcher Fundstücke gesammelt. Von dem Maler, der sich als einer der wenigen Künstler in der DDR mit Stilelementen der westlichen Pop-Art beschäftigte, übernahm Sohn Moritz auch die Liebe zu dieser Kunstrichtung. Mit Papa Wasja und Mutter Inge verbrachte er als Kind viel Zeit in dem damals noch ursprünglichen Künstlerort Ahrenshoop, der Götze bis heute bei seiner Arbeit inspiriert und auch in der aktuellen Schau im Fokus steht.

Moritz Götze, Paul Müller-Kaempff, temporäre Skulptur auf dem Bakelberg

Neben zahlreichen Strandmotiven bezieht sich Götze in einer seriellen achtteiligen Emaille-Arbeit auf seine eigene im vergangenen Jahr abgebaute Großinstallation auf dem Bakelberg zwischen Wustrow und Ahrenshoop. Zum 125-jährigen Bestehen der Künstlerkolonie hatte der Künstler aus Stahlrohr und Holz eine fünf Meter hohe Figur von Maler Paul Müller-Kaempff geschaffen, der 1892 von Wustrow aus kommend den Ort Ahrenshoop entdeckt haben soll und in der Folge die Ahrenshooper Künstlerkolonie gründete. Das Motiv hat Götze nun wieder aufgegriffen und den Kolonie­gründer auf Emaille-Schildern als Briefmarkenmotiv in verschiedenen Farbvariationen in Szene gesetzt.

Auch auf seinem Bild „Blick zum Bakelberg“ (2021) nach Hans Brass, das eine Treppe am Hochufer von Ahrenshoop zeigt, entdeckt der genaue Beobachter im Hintergrund die lila-schwarze XXL-Figur des Koloniegründers. „Damit habe ich die temporäre Figur nun doch für die Ewigkeit festgehalten“, sagt der
57-Jährige und lacht.

Auch einige Gemäldeklassiker der Ahrenshooper Künstlerkolonie hat Götze aufgegriffen und malerisch neu interpretiert. So ist unter anderem ein Blumenstillleben zu sehen, das an die „Mohnblumen“ von Dora Koch-Stetter, Malerin der zweiten Generation der Künstlerkolonie, erinnert. Eine seiner Arbeiten hat es sogar bis auf den Laufsteg geschafft: Inspiriert von seiner Schwester, die in der Modebranche tätig ist, hat Götze Frauensilhouetten aus Emaille mit opulenten Kleidern geschaffen, auf denen als Bild im Bild Götzes Werke zu sehen sind. „Eines der Kleider, die ich gemalt habe, ist sogar als Einzelstück für ein Musikfestival in Baden-Baden produziert worden“, verrät der 57-Jährige. Seine eigenwilligen Interpretationen, seine Experimentierfreudigkeit und seine prägnante künstlerische Handschrift sind längst zu seinem Markenzeichen geworden.

Heute verbringt der Hallenser, der inzwischen zu den bedeutendsten lebenden deutschen Pop-Art-Künstlern gezählt wird, die Sommer statt in Ahrenshoop regelmäßig in seinem Haus im mecklenburgischen Laage. Mecklenburg-Vorpommern sei für ihn nicht nur künstlerisch eine Heimat geworden, sagt er. Und während der vielbeschäftigte Götze sonst ständig unterwegs sei, habe ihm Corona nun auch noch etwas Gutes beschert: „Ich hatte endlich mal Zeit, zu experimentieren, und bin in einen wahren Malrausch verfallen“, sagt er und lacht. Das Ergebnis seiner unkonventionellen Sicht auf die Welt können die Besucher in der aktuellen Schau sowie in einem umfangreichen Katalog mit dem Titel „Lebenszeichen“ betrachten, der zur Ausstellung entstanden ist.